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Gersheimer Notizen
Das Ende der Welt liegt mitten in Europa

Von der Macht der Vorurteile

Wieder einmal ist ein Blogger abgemahnt worden. Aber diesmal nicht, wie man spontan denkt, von einem international agierenden Konzern, sondern von einer freien Journalistin, obwohl diese natürlich auch irgendwie international agiert.

Während die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Abmahnung und der Höhe der geforderten Kostennote von Juristen sicher besser beantwortet werden kann, soll es hier um die in der Diskussion zutage tretenden Vorurteile gehen. Im Gegensatz zum herrschenden Vorurteil sind Vorurteile grundsätzlich erstmal etwas Positives, erlauben sie doch die Aufrechterhaltung der eigenen Handlungsfähigkeit auch in komplexen, unbekannten Situationen. Je weniger Ressourcen (Zeit, Aufmerksamkeit) für eine Aufgabe zur Verfügung stehen, umso sinnvoller ist es, sich von Vorurteilen leiten zu lassen. Denn Vorurteile treffen mit höherer Wahrscheinlichkeit zu als das Ergebnis einfachen Ratens. Nur treffen sie eben ganz und gar nicht mit Sicherheit zu.

Konfrontiert mit einem Menschen, über den man nichts weiter weiß, als dass er einer bestimmten Gruppe angehört, ist es eben zur Aufrechterhaltung der eigenen Handlungsfähigkeit durchaus zunächst sinnvoll, diesem Menschen die Eigenschaften zuzuschreiben, von denen man weiß (oder zu wissen meint), dass sie Angehörige dieser Gruppe typischerweise beschreiben.

Damit endet dann allerdings der Vorteil des Vorurteils. Bei genauerer Betrachtung erweist es sich im Allgemeinen als falsch oder zumindest als unvollständig oder unzulässig verallgemeinernd. Sobald also genügend Zeit und Aufmerksamkeit zur Verfügung stehen oder die Situation sich als hinreichend wichtig erwiesen hat, ist es sinnvoll, das Vorurteil durch Analyse und nachfolgendes qualifiziertes Urteil zu ersetzen. Weniger sinnvoll ist es, vorurteilskonformes Verhalten einzufordern.

In der Diskussion um die erwähnte Abmahnung wird nun neben den bereits erwähnten eine Fülle von Vorurteilen bemüht, um die jeweils eigene Position als die angemessene, richtige darzustellen. Dabei zeigt sich, dass vor allem negative Vorurteile zwar dem eigenen Ego dienen, nicht jedoch zu einer Klärung der Situation beitragen. Wie es mit Vorurteilen so ist, werden sie oft gar nicht explizit genannt, sondern als bekannt vorausgesetzt und können nur aus den Konsequenzen erschlossen werden. Da die Interpretation solcher Äußerungen natürlich auch von den eigenen Vorurteilen abhängig ist, sollen hier im Wesentlichen nur die explizit genannten Vorurteile als Beispiel herangezogen werden. Die Auswahl ist groß genug.

So wird uns mitgeteilt, dass der Unterschied zwischen Frauen und Männern darin besteht, dass Männer zwischen Java Script und Latte Americano unterscheiden können, was normalerweise dazu führen sollte, dass die Frauen Respekt vor den Männern haben sollten. Die Autorin meint, explizit erwähnen zu müssen, dass diese Unterscheidungsfähigkeit bei Ihr keineswegs automatisch diesen Respekt hervorruft. Was machen wir mit Frauen, die diese Dinge auch unterscheiden können, was mit Männern, die auf Respekt dieser Art keinen Wert legen? Was hat das überhaupt mit der Abmahnung zu tun?

Es wird offenbar davon ausgegangen, dass der Abgemahnte ein junger Mann ist („geben Sie dem jungen Mann mal meine Emailadresse“, Ebd.) , vielleicht weil Blogger eben junge Männer sind? Dabei frönen durchaus auch alte Frauen der Unsitte des Bloggens, wenn auch wohl tatsächlich seltener. Implizit wird vermittelt, solche jungen Männer brauche man nicht ernst zu nehmen, die sind so unwichtig, dass man noch nicht einmal herauszufinden braucht, ob sie denn tatsächlich jung, tatsächlich Männer sind.

Wenn diese jungen Männer sich dann solidarisieren, dann handelt es sich gleich um „eine Horde wutschnaubender Möchtegernpiraten […], die ihre Nächte im Schlafanzug vor dem Computer verbringen“

Nicht jeder, der seine Nächte im Schlafanzug verbringt, gehört einer wie auch immer gearteten Horde an, und es steht doch zu vermuten, dass die Autorin dieser Behauptung nicht bei allen Betroffenen recherchiert hat, auf welche Weise sie ihre Nächte verbringen. Und wie kommt es, dass diese wutschnaubenden Möchtegernpiraten doch sehr sachlich über die Auseinandersetzung berichten und es dabei schaffen, auf Beleidigungen gänzlich zu verzichten?

Anscheinend wird auch unterstellt, dass die Blogger eine homogene Masse bilden, zumindest aber alle untereinander befreundet sind. Jedenfalls geht die Initiatorin der Abmahnung offenbar davon aus, dass E-Mails, die sie erhält, von Freunden des Abgemahnten stammen. Denn sie möchte diesen für diese E-Mails verantwortlich machen. („Philipp zahlt für jedes email, das ich bearbeiten muss, zehn Euro“ Ebd.). Sicherlich hat die Journalistin die Beziehungen zwischen den Betroffenen recherchiert und eindeutig klassifizieren können.

Der Abgemahnte soll angeblich auf dem „in-der IT-Welt-wird-nicht-bezahlt-Planeten“ leben, was in mehrfacher Hinsicht irritierend wirkt. Falls die Blogosphäre gemeint sein sollte, wenn von der IT-Welt gesprochen wird, dann impliziert das natürlich schon, dass alles, womit die Autorin sich nicht auskennt, irgendwie das Gleiche ist, nicht wichtig genug, um genau betrachtet und unterschieden zu werden. Und warum sollte dort nicht bezahlt werden? Aus der Tatsache, dass der Abgemahnte kostenlos eine Empfehlung ausgesprochen hat und dass das Lesen von Blogs in der Regel kostenfrei ist, folgt doch nichts Spezielles, oder doch?

Nicht jeder Blogger ist automatisch ein IT-Spezialist, auch wenn manche recht hohe Anforderungen an die Relevanz eines Bloggers stellen. Blogger bloggen über so ungefähr alle Themen unter der Sonne, also warum ausgerechnet IT?

Noch aus der Tatsache, dass sie eine einfache Suche nach duplicate content nicht selbst durchführen kann, leitet sie ihre vermeintliche Überlegenheit über die offenbar nicht erwachsenen Blogger ab. „Dies ist ein ziemlich aufwendiger Abgleich, und den mache ich natürlich nicht selber, damit muss man Profis beauftragen, und dann befindet man sich bei den Preisen sozusagen in der Erwachsenenwelt.“ Jeder Webseitenbetreiber, der auf seiner Site Texte von auch nur halbwegs annehmbarer Qualität veröffentlicht, steht (leider) vor der Notwendigkeit, diesen Abgleich regelmäßig durchzuführen, die Preise aus der Erwachsenenwelt kann sich dagegen tatsächlich nur eine Minderheit leisten.

Irgendwie entsteht der Eindruck, dass Journalisten weit über Bloggern stehen, so weit, dass sie die da unten schon gar nicht mehr so richtig erkennen können. Blogger sollen die Richtlinien journalistischer Arbeit einhalten, aber natürlich werden sie an die nie heranreichen, egal wie sehr sie sich bemühen. Umgekehrt kann man von der Journalistin natürlich nicht erwarten, dass sie sich um Blogs und ähnliches Zeug kümmert. Von „einer Website namens Spreeblick“ hat sie selbstredend vor dieser Aktion noch nie gehört.

Und was machen wir in diesem Zusammenhang mit bloggenden Journalisten?

Nachtrag: Weil das offenbar nicht selbstverständlich ist, aus diesem Artikel darf natürlich zitiert werden, mit oder ohne Namensnennung, nur bitte mit Link.

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