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Gersheimer Notizen
Das Ende der Welt liegt mitten in Europa

Der Stalker

Der Stalker sitzt in seinem Auto. Überall draussen findet das Leben statt, aber der Stalker sitzt in seinem Auto und guckt meinem Leben zu. Er hat kein eigenes.

Er fährt hinter mir her, wenn ich mit dem Auto unterwegs bin. Wo es dunkel ist, fährt er dicht auf, in Orten und tagsüber hält er Abstand. Er ist immer da, er hat nichts anderes vor. Wenn ich parke, wartet er auf mich, auch stundenlang. Auf der Rückfahrt begleitet er mich bis kurz vor meiner Haustür, um dann abzubiegen und von seinem Beobachtungsposten aus meine Fenster anzugucken. Wenn ich zuhause bin, fährt er Kreise um mein Haus. Oder er sitzt in seinem Auto und guckt meine erleuchteten Fenster an. Wenn ich zu Fuß gehe, fährt er auf Umwegen hinter mir her. Er fährt an mir vorbei, um mich anzugucken, aber er achtet darauf, dass ich ihn nicht sehe. Das funktioniert nicht immer. Manchmal steigt er auch aus, um zu sehen, wo ich hingegangen bin, aber nur, wenn er sicher ist, dass ich ihn nicht sehen kann. Er hält Abstand, aber er ist immer da. Er spricht nicht mit mir, er ist nur da. Wenn ich auf ihn zugehe, ergreift er die Flucht. Es sieht panisch aus. Er sucht meine Nähe, aber nicht wirklich, Abstand muss sein.

Der Stalker hat viel Zeit, aber er weiß nicht, was er damit anfangen soll. Er hat kein eigenes Leben. Er tut mir leid.

Der Stalker kommt jeden Tag. Er bleibt, bis ich das Licht ausgemacht habe. Dann fährt er vor meiner Tür vorbei und verschwindet. Bis zum nächsten Tag. Manchmal fährt er noch die halbe Nacht lang Kreise. Manchmal sitzt er noch auf seinem Beobachtungsposten und guckt mein dunkles Haus an. Morgens, wenn ich aufstehe, ist er schon da, fährt an meinem Haus vorbei, während ich die Gardinen aufziehe.

Der Stalker passt auf, dass ich ihn nicht sehe. Er will mich sehen, nicht umgekehrt. Ich soll sein Auto angucken, nicht ihn. Er versteckt sich in seinem Auto, es ist sein Schutz vor der Wirklichkeit. Er will alles über mich wissen, gibt nichts von sich preis. Er will mich immer sehen, er zeigt nicht sein Gesicht. Er begleitet mich überall hin, will alles über mich wissen und erfährt doch nichts. Er verwendet Fernglas, Teleobjektiv und Nachtsichtgerät, um nichts zu verpassen. Wenn er mich mal nicht sieht, wenn er mal nicht weiß, wo ich bin, dann gerät er in Stress. Er sucht mich hektisch, er wartet auf mich, er kann nicht weg, bis er mich wiedergefunden hat. Aber ich soll nichts davon merken. Ich soll nur sein Auto sehen.

Der Stalker spricht nicht mit mir. Aber er wird eifersüchtig, wenn andere das tun. Dann wird sein Gesicht zu einer hässlichen Fratze.

Der Stalker hasst mich. Er liebt mich, kommt nicht von mir los. Er hat kein Ziel mehr im Leben, er will nur einen Blick auf mich werfen. Und dann noch einen. Und noch einen. Er will nicht gesehen werden. Manchmal macht er auf sich aufmerksam, aber ich soll ihn nicht sehen, ich soll nur wissen, dass er da ist.

Der Stalker will wissen, wo ich hingehe, was ich tue, wen ich treffe. Was ich denke, was mich interessiert, was meine Meinung und meine Überzeugung ist, will er nicht wissen. Es geht ihm nicht wirklich um mich. Was auch immer er in mich reininterpretiert, er sagt es mir nicht.

Der Stalker ist voller Widersprüche. Er hat die Kontrolle über sein Leben verloren, stattdessen kontrolliert er jetzt mein Leben. Und bleibt doch immer nur Zuschauer, der nichts bewirken kann.

Stalking ist eine Straftat. Das ist gerechtfertigt, obwohl die Forschung zum Phänomen Stalking ergeben hat, dass Stalker im Allgemeinen entweder psychisch erkrankt sind oder sich in Lebenskrisen befinden. Oft auch beides. Viele, nicht alle Stalker leiden an Persönlichkeitsstörungen, seltener werden auch psychiatrische Diagnosen gestellt.

Fast immer geht dem Stalking eine Krise im Leben des Stalkers voraus. Vieles, vielleicht alles läuft nicht so, wie es laufen sollte. Stalken lenkt ab von der unbewältigten Krise, aber es löst sie nicht. Der Stalker ist ein Straftäter, der Hilfe braucht. Wenn er sein eigenes Leben wiedergefunden hat, braucht er nicht mehr zu stalken. Bis dahin sitzt er in seinem Auto und lässt das Leben an sich vorbeiziehen.

Auch Stalker können nochmal lernen, ein freies, selbstbestimmtes Leben zu führen. Ein Leben, in dem sie Beziehungen zu anderen freien und selbstbestimmten Menschen auf Augenhöhe führen können. In dem sie niemanden kontrollieren und überwachen müssen. Wer sein eigenes Leben unter Kontrolle hat, braucht andere nicht zu überwachen. Es gibt Hilfe für Stalker. Stop-Stalking ist ein Projekt, das Stalkern dabei hilft, zu einem selbstbestimmten Leben zurückzufinden.

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