≡ Menu
Gersheimer Notizen
Das Ende der Welt liegt mitten in Europa

Überwachung auf dem Land

Wer auf dem Land wohnt, nimmt ein paar Nachteile in Kauf. Die Zeiten, zu denen es auf dem Dorf Geschäfte, Arbeitsplätze oder allgemein Infrastruktur gab, sind schon lange vorbei. Wer auf dem Land wohnt, ist also auf das Auto angewiesen. Auf der anderen Seite gibt es auf dem Land (noch) relativ überwachungsfreie Gebiete. Die Kamera-Dichte ist deutlich geringer als in den Innenstädten. Es gibt sogar noch Orte und Stellen ohne Mobilfunkempfang, und wo es ihn gibt, sind die Funkzellen um ein vielfaches größer als in den Städten.

Wer die ansonsten allgegenwärtige Überwachung also nicht mag, ist auf dem Dorf zumindest besser dran als anderswo. Die hier übliche soziale Kontrolle legt immerhin keine Datenbanken an.

Natürlich gibt es auch hier Überwachung, es gibt Telefon, es gibt Mobilfunk, es gibt Internet. Die Satelliten, die über uns im Orbit kreisen, erfassen das Land genauso wie die Städte. GPS-Tracker sind heute billig und in vielen Gegenständen eingebaut. Daneben gibt es private Überwachungsaktivitäten der unterschiedlichsten Art. Viele Akteure überschauen die Konsequenzen ihres Handelns nicht und ermöglichen damit die Erfassung von Daten ihrer eigenen Aktivitäten oder auch der Aktivitäten ihrer Mitmenschen.

Die Überwachungstechnik

An vielen Orten ist es sicherlich nicht verkehrt, sein Haus und sein Grundstück per Video zu überwachen. Als praktisch haben sich Kameras mit drahtloser Funktechnik erwiesen. Allerdings auch als praktisch für diejenigen, die schon immer mal wissen wollten, wie es im Inneren des Hauses aussieht und was seine Bewohner so alles machen.

Auch das für den Landbewohner unverzichtbare Auto wird in vielfältiger Weise überwacht. Die Mautbrücken an den Autobahnen erfassen jedes Fahrzeug, erst im Nachhinein wird überprüft, ob es sich um einen mautpflichtigen LKW oder ein sonstiges Fahrzeug handelt. Es gibt immer mal wieder Begehrlichkeiten diverser Politiker, die Daten doch auch anderweitig zu nutzen. Ausreden lassen sich einfach finden.

Jedes Auto, das mit einem Navigationsgerät ausgerüstet ist, sendet regelmäßig Daten über seinen Standort an den Hersteller des Gerätes. Das ist praktisch, wenn zum Beispiel Staus vorhergesagt werden sollen. Allerdings lassen sich aus einer Serie von Standortdaten unschwer Bewegungen und Geschwindigkeiten errechnen. Die Daten werden anonymisiert gespeichert und ausgewertet, aber wie anonym sind Bewegungsdaten, wenn die Fahrten regelmäßig vor derselben Haustür beginnen und enden?

Viele Autobesitzer, vor allem solche, die neue oder hochwertige Fahrzeuge ihr Eigen nennen, statten ihre Autos mit GPS-Trackern zum Diebstahlschutz aus. Diese Geräte werden damit beworben, dass man im Falle eines Diebstahls das gestohlene Auto orten, also wiederfinden kann. Nicht erwähnt wird meistens, dass man das Auto nicht nur im Falle eines Diebstahls, sondern immer, zu jeder Zeit orten kann. Die Geräte sind meistens mit Mobilfunkschnittstellen ausgerüstet, über die per SMS mit dem Gerät kommuniziert werden kann. Wie alle Mobilfunkaktivitäten können natürlich auch diese Daten abgehört und in Datenbanken überführt werden.

Die nahe Zukunft soll weitere „Verbesserungen“ bringen. Das Notrufsystem eCall ermöglicht die lückenlose Überwachung eines jeden Autofahrers, auch wenn die Befürworter stets die Benachrichtigungsfunktion des Systems im Falle eines Unfalls in den Fokus rücken. Das System soll verbindlich werden, es soll nicht möglich sein, es abzuschalten.

Daneben entwickelt die Industrie zunehmend „intelligente“ Autos, die analog zu „intelligenten“ Haushaltsgeräten (smart home), ständig mit dem Internet verbunden sind und ebenfalls eine lückenlose Überwachung des Autofahrers mit sich bringen. Im Gegenzug wird mit verbesserten Komfortfunktionen geworben.

Stadtbewohner mögen nun einwenden, wem das alles nicht passt, der solle halt auf das Auto oder den Schutz des eigenen Hauses verzichten. Leider ist das auf dem Land nicht ganz so einfach.

Nichts zu verbergen, nichts zu befürchten

Im Gegensatz zur dörflichen sozialen Kontrolle ist die moderne Form der Überwachung weitgehend unsichtbar. Die resultierenden Datenbanken sind weit weg und reichlich abstrakt, kaum jemand kann sich vorstellen, dass seine Freiheit oder seine Rechte dadurch eingeschränkt werden könnten.

Das führt dazu, dass viele meinen, sie hätten nichts zu verbergen, also von der Überwachung auch nichts zu befürchten. Dieser Schluss ist leider falsch. Es ist auch mit der Vorstellung, nackt, nur mit dem Kontoauszug um den Hals, durch die Gegend zu laufen, nur unzureichend beschrieben. Denn die Datenerhebung ist nicht vollständig, und die Lücken werden kaum offen gelassen. Es gibt immer eine Interpretationsmöglichkeit, die die Lücken füllt und die gegen den Betroffenen spricht. Man macht sich verdächtig, ohne es zu ahnen, mit den banalsten, alltäglichsten Verhaltensweisen.

Viele haben keine Vorstellung davon, was mit den riesigen Datenmengen alles gemacht werden kann. Denn die Daten werden nicht einfach aufgehoben, sie werden analysiert und interpretiert, in Zusammenhang mit anderen Daten gestellt. Heraus kommen unter anderem Profile und natürlich Verdachtsmomente der unterschiedlichsten Art. Wer durch welchen Zufall auch immer ein Profil hat, dass einer der vorgesehenen Schubladen entspricht oder auch nur ähnelt (zum Beispiel Alkoholiker, Kriminelle, Drogenabhängige oder Pädophile, Terroristen etc.), der wird darüber nicht informiert, der kann sich nur über die Folgen wundern. Wenn er zum Beispiel keinen Kredit mehr bekommt, keine Wohnung oder keine Arbeitsstelle. Die entsprechenden Daten sind alle schon vorhanden, es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis entsprechende Analysen flächendeckend durchgeführt werden. Bei der Frage, ob man fliegen darf oder nicht, ist es bereits jetzt so.

Wer eine Rabattkarte eines Supermarktes nutzt, bekommt nicht nur einen kleinen Rabatt auf jeden Einkauf, er wird auch analysiert und in Schubladen gesteckt. Jeder Einkauf wird mit Datum und Uhrzeit vermerkt, für jedes Produkt wird die Häufigkeit und Menge festgehalten, in der es über die Zeit gekauft wird. Leicht kann auf die Zahl der Personen im Haushalt, auf Berufstätigkeit und Höhe des Einkommens, auf den Bildungsgrad und die Gewohnheiten geschlossen werden. Es lassen sich Schlüsse auf Interessen und Vorlieben, auf Freizeitgestaltung und Gesundheitszustand ziehen. Die resultierenden Daten stellen nicht nur die Grundlage für personalisierte Werbung, sondern auch eine geldwerte Information dar. Sie können verkauft und in Beziehung zu Daten aus anderen Quellen gesetzt werden. Zusammen mit zum Beispiel den Bewegungsdaten des Autos kann der Supermarkt oder der Käufer seiner Datensätze so also zum Beispiel feststellen, in welchen Läden der Kunde sonst noch so einkauft, wohin er mit seinen Einkäufen fährt und was er damit unternimmt. Vollständige Persönlichkeitsprofile sind möglich.

Wer keine Vorstellung davon hat, was sich mit großen Datensätzen alles anstellen lässt, neigt häufig dazu, nichts dabei zu finden, wenn er mit seinen Daten bezahlt oder sie aus Eitelkeit oder Ehrgeiz selbst veröffentlicht. Die gleiche Sorglosigkeit wird dann auch an den Tag gelegt, wenn es um die Daten anderer Menschen geht.

Zum Beispiel denkt sich kaum jemand etwas dabei, wenn er die Mail-Adresse eines Freundes oder Bekannten auf einer Internetseite einträgt, damit dieser über ein Angebot oder ein Produkt informiert wird. Der Anbieter gewinnt dadurch nicht nur eine (geldwerte, weil höchstwahrscheinlich aktiv genutzte) Mail-Adresse, sondern auch gleich noch Daten zu Wohnort und Interessen dazu. Dass der Betroffene nicht gefragt wurde, spielt keine Rolle.

Das Gefühl, beobachtet und kontrolliert zu werden, stellt sich bei der modernen Form der Überwachung nur selten ein. Es bleibt abstrakt. Und ist dadurch umso gefährlicher. Denn es werden immer mehr Daten, die auf immer vielfältigere Weise miteinander verknüpft werden. Die althergebrachte Form der Überwachung, die es auf den Dörfern noch gibt, ist dagegen deutlich fühlbar. Und gleichzeitig sehr viel harmloser. Die schlichte Neugierde, die der Antrieb hinter mehr oder weniger systematischen Beobachtungsaktionen ist, erzeugt keine Datenbanken, nur Tratsch. Das subjektive Gefühl, beobachtet zu werden, ist also als Indikator nicht geeignet. Allerdings ist es sehr gut geeignet, als Anstoß für eine umfassende Betrachtung der Überwachung und Beobachtung insgesamt zu dienen.

Der Anlass

Ich fahre auf der Landstraße, von A nach B. Ich rolle gemächlich meinem Ziel entgegen, in Gedanken bin ich schon da. Im Rückspiegel erscheint ein Auto, schwarz, hochglanzpoliert, von der Sorte, die direkt überholen und wieder weg sind. Er überholt nicht. Er fährt mit wechselndem Abstand hinter mir her. Eine Gelegenheit zum Überholen vergeht, noch eine, und noch eine. Er bleibt. Wir beobachten uns gegenseitig, umkreisen uns wie zwei ungleiche Raubtiere. Er ist im Vorteil, er weiß, wen er vor sich hat, während ich hinter seiner spiegelnden Windschutzscheibe nur wenig erkennen kann. Die Lichthupe kommt, als wir durch ein Dorf fahren, mit einer langen Reihe freier Parkplätze auf der rechten Seite.

Ich soll anhalten. Sein Drehbuch, bis hier perfekt inszeniert, sieht das so vor. Ich komme mir vor wie eine Marionette, aber die Fäden klemmen ein bisschen. Ich fahre weiter. Vielleicht halte ich noch an, aber nicht hier, nicht jetzt…

Es ist nichts passiert, es war zu keiner Zeit gefährlich oder bedrohlich. Es war nur eine etwas seltsame Episode.

Nur wie konnte es dazu kommen? Es kann Zufall gewesen sein, eine Verwechslung, vielleicht war ich garnicht gemeint. Dass es mir nicht so vorkam, schließt den Zufall nicht aus. Wenn es kein Zufall war, bleiben zwei Möglichkeiten.

Das Problem

Auch wenn ständig Autos auf den Straßen hintereinander herfahren, ist es tatsächlich garnicht so einfach, ein konkretes Auto abzupassen, um hinter diesem herzufahren, wenn man nicht weiß, wann dieses vorbeikommen wird, wenn man noch nicht einmal wissen kann, wo dieses vorbeikommen wird. Die Wahrscheinlichkeit für ein tatsächlich zufälliges Treffen lässt sich mit statistischen Methoden bestimmen, sie ist gering.

Natürlich muss man an dieser Stelle die besonderen Bedingungen des Landlebens mit berücksichtigen. Nichts ist so interessant wie das, was Andere tun oder nicht tun, wohin sie gehen oder auch nicht gehen. Wer auf dem Land wohnt, ist also an ein gewisses Interesse an den eigenen Aktivitäten gewöhnt. Der absichtlich herbeigeführte „Zufall“ spielt dabei natürlich eine wichtige Rolle.

Wer also absichtlich einen solchen Zufall herbeiführen möchte, hat grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Die eine ist geduldiges Abwarten. Man sucht sich eine strategisch günstige Stelle aus und wartet. Und wartet. Generationen von mittelmäßigen Privatdetektiven und viele Dorfbewohner mit ereignislosem Alltag haben ihre Lebenszeit mit derartigen Aktivitäten verschwendet. Ein intelligenter Beobachter kann natürlich durch einen educated guess die Zahl der Möglichkeiten deutlich verringern und damit seine Wartezeit verkürzen, aber echten Zufall kann er auch dadurch nicht erzeugen. Zusätzlich gibt es heute natürlich die Möglichkeit, technische Lösungen zu verwenden.

Wahrscheinlichkeiten und Möglichkeiten

Mittels GPS kann man nicht nur das eigene Fahrzeug, sondern prinzipiell jedes Fahrzeug, jeden Gegenstand tracken. Die erforderliche Technik ist heute kostengünstig zu haben, der Einsatz einfach. Die verbreitete Sorglosigkeit im Umgang mit den eigenen Daten generalisiert allzu oft auch auf die Daten anderer Menschen. Das führt zu einem fließenden Übergang zwischen den traditionellen und den modernen Methoden der Überwachung. Die oben angesprochene Weitergabe der Mail-Adressen anderer Leute ist ein Beispiel für diese Sorglosigkeit, genauso wie die Beobachtung des Waldes mit Wildkameras, die ja auch nicht nur Wild, sondern alles aufzeichnen, was ihnen vor die Linse kommt. Viele überblicken die Folgen nicht, erkennen nicht die Grenzen zwischen Selbstschutz, harmloser Spielerei und ernstzunehmendem Übergriff, gravierender Datenschutzverletzung.

Das sichere Wissen, dass man von diversen Dorfbewohnern beobachtet wird, ist also Alltag auf dem Land. Die Möglichkeit, dass die eigenen Bewegungen vielleicht mit technischen Mitteln aufgezeichnet werden könnten, ist dagegen eine Bedrohung. Wer erfasst da Daten, wer hat darauf Zugriff, womit werden sie verknüpft, ist das real oder nur Einbildung? Rational betrachtet ist es sehr unwahrscheinlich, dass sich jemand die Mühe macht. Aber es ist auch sehr unwahrscheinlich, dass Millionen Menschen Terroristen sind. Trotzdem stehen sie auf den No-Fly-Listen. Es ist sehr unwahrscheinlich, im Lotto zu gewinnen. Trotzdem gewinnt jede Woche jemand. Wir haben generell ein Problem mit der Einschätzung von großen Zahlen, von Wahrscheinlichkeiten und theoretischen Möglichkeiten. Dieses Problem führt uns zu Fehlbeurteilungen. Und es macht zumindest die meisten von uns manipulierbar. Die verbreitete Sorglosigkeit, die Einschätzung, man hätte nichts zu verbergen, der Glaube an die Unbedenklichkeit der Datensammlung ist ja auch eine Folge einseitiger Informationen, die uns immer nur die Vorteile der jeweiligen Technik vor Augen führen.

Was hilft?

Es hilft, nicht alles zu glauben, was man uns erzählt. Es hilft, die Dinge von unterschiedlichen Standpunkten aus zu betrachten. Es hilft, die Natur des Menschen in die Überlegungen einzubeziehen. Friedrich Dürrenmatt zum Beispiel hat es schon 1986 beschrieben. In der Novelle Der Auftrag oder vom Beobachten des Beobachters der Beobachter lässt er den Logiker D. die Situation beschreiben. D. wohnt etwas einsam, und wenn die Touristen ihn mit ihren Ferngläsern beobachten, beobachtet er zurück, mit dem Spiegelteleskop. Es ist ein aggressiver Akt der Selbstbehauptung, der Verteidigung. Die Touristen verstehen das, manche bewerfen sein Haus mit Steinen. Wenn er aber beim Zurückbeobachten bemerkt, dass sie garnicht ihn, sondern etwas ganz anderes beobachten, dann fühlt er sich zurückgesetzt, missachtet, einsam.

Anzeige:

Friedrich Dürrenmatt:

Der Auftrag:
Oder Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter.

Novelle in vierundzwanzig Sätzen
Diogenes Verlag: 132 Seiten

Einfach kaufen bei amazon-de

Von anderen be(ob)achtet zu werden, ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wir erkennen uns erst selbst, indem wir diejenigen beobachten, die uns beobachten. Von dieser wohlwollenden Beachtung bis zur misstrauenden Überwachung ist es ein fließender Übergang. Beobachter und Beobachtete bewerten die Situation dabei oft unterschiedlich. Dürrenmatt führt diesen Gedanken weiter, bis zu seiner tödlichen Konsequenz. Das sollten wir nicht tun.

Menschen machen Fehler. Das gibt ihnen die Möglichkeit, aus diesen Fehlern zu lernen. Viele machen davon Gebrauch. Institutionen, Regierungen, Geheimdienste und ähnliche tun sich sehr viel schwerer mit dem Dazulernen. Wir haben die Chance, ihnen dabei unter die Arme zu greifen. Denn die gesichtslose Überwachung nach dem Staubsaugerprinzip erlaubt niemandem, sich selbst zu erkennen, sie ist reine Bedrohung, auch wenn sie als vermeintliche Sicherheit daherkommt.

0 Kommentare… jetzt kommentieren:

Wir freuen uns über Kommentare!

Nächster Artikel:

Vorheriger Artikel: