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Gersheimer Notizen
Das Ende der Welt liegt mitten in Europa

Von den Auswirkungen des milden Winters

Der Winter 2013/14 ist zumindest aus meteorologischer Sicht vorbei. Obwohl er, wenn man das Wetter betrachtet, noch garnicht begonnen hat. Etwa seit November war das Temperaturniveau ungefähr gleich, nur daran, dass die Tage kurz waren, nur an der Dunkelheit konnte man sicher erkennen, dass Winter war. Insgesamt war es geradezu rekordverdächtig warm. Das hat Folgen. Positive und negative.

Positiv ist, dass dieses Jahr ausgesprochen wenig Heizenergie nötig war. Abgesehen von den Brennstoffhändlern wird das kaum jemanden stören. Ebenfalls positiv ist, dass kaum Streusalz verwendet wurde. Auch das wird abgesehen von den Salzhändlern kaum jemanden stören.

Natürlich wurden auch die Wintermäntel und Winterstiefel geschont, Handschuhe und Mützen kaum gebraucht, worüber auch außer dem Textilhandel kaum jemand lamentiert. Insgesamt haben viele Verbraucher Geld gespart, das die Händler natürlich in ihren Kassen vermissen. Aber man muss sich da kaum Sorgen machen, die Leute werden das Geld schon ausgeben, nur eben für andere Dinge. Es wird also auch auf Seiten des Handels keineswegs nur Verlierer geben. Eine der Auswirkungen dieses milden Winters ist also, dass die Leute (und die Stadt- und Gemeindeverwaltungen) wohl mehr Geld in den Taschen haben als in anderen Jahren.

Auch die Arbeitslosigkeit ist weniger stark angestiegen als in anderen Wintern. Es werden also auch mehr Leute mehr Geld in den Taschen haben. Man darf spekulieren, wofür sie es ausgeben werden.

Wie in anderen milden Wintern wird es wohl auch diesmal weniger Unfälle gegeben haben, war doch so gut wie kein Schnee und Glatteis zu verzeichnen. Die Autowerkstätten werden weniger Einnahmen haben, aber vielleicht werden auch weniger Leute ein neues Auto kaufen, wenn das alte noch ganz ist. Die Grippeviren haben sich auch zurückgehalten, auch wenn es für eine Grippewelle noch nicht zu spät ist.

Die Wechselwirkungen zwischen diesen und anderen Auswirkungen sind komplex und bisher kaum untersucht. Während man bei Klimawandel meistens an Stürme und steigende Meeresspiegel denkt, hängen Arbeitsmarkt, Krankenstand und viele andere Dinge auch damit zusammen, auch wenn noch unklar ist, auf welche Weise. Es ist natürlich erlaubt, ein wenig zu spekulieren.

Natur und Umwelt

Interessanter sind die Auswirkungen auf die Natur und die Umwelt. Da ist der geringe Streusalzverbrauch natürlich schonmal positiv zu sehen. Aber wie wird es sich auswirken, dass es kaum Frost gab, dass der Boden noch nicht einmal oberflächlich gefroren war?

Haselnuss am 1.3.2014

© Astrid Kurbjuweit

Anders als im letzten Jahr ist die Vegetation sehr früh dran. Es grünt und blüht bereits an allen Ecken. Haselnusspollen fliegen schon seit mindestens vier Wochen, mancherorts begann die Plage schon vor Weihnachten. Allergiker werden also nicht so glücklich sein.

Die Kraniche sind schon vor zwei Wochen wieder über uns hinweg gezogen, Richtung Nordosten. Nachdem sie erst im November gen Süden geflogen waren, hat sich die weite Reise kaum für sie gelohnt. Auch andere Zugvögel sind schon wieder da. Kann man vermuten, dass sie sich in den kommenden Jahren den Flug nach Süden sparen werden?

Gelbe Krokusse

© Astrid Kurbjuweit

Die Schneeglöckchen blühen seit ein paar Tagen. Das ist der offizielle Beginn des Vorfühlings. Aber auch die Krokusse sind schon zu sehen, die Forsythien stehen kurz vor der Blüte, Weidenkätzchen brechen auf und Tulpen und Rhabarber aus dem Boden. An den unterschiedlichsten Bäumen sind dicke Knospen, die schon bald aufgehen werden. Die Wiesen zeigen frisches Grün, es wächst und gedeiht überall. Es ist schön anzusehen, es macht gute Laune.

Wer allerdings seinen Garten im Herbst umgegraben hat, in der Hoffnung auf eine schöne Frostgare, der hat dieses Jahr Pech gehabt. Die Erde ist nicht schön feinkrümelig geworden, sondern matschig-verklebt. Die althergebrachte Art der Gartenbestellung wird durch einen solchen Winter also durchaus infrage gestellt. Aber es wird sicher möglich sein, auf Veränderungen dieser Art zu reagieren, in wärmeren Gegenden kann man auch ohne Frost einen schönen Garten haben, das wird also auch hier gehen.

Eher Anlass zur Besorgnis gibt dagegen die Entwicklung der Tierwelt. Die theoretischen Überlegungen sind zwiespältig. Auf der einen Seite ist natürlich so gut wie nichts erfroren, auf der anderen Seite ist durch die milde, feuchte Witterung ein Befall mit Pilzen und Krankheitserregern wahrscheinlicher.

Das scheint zum Beispiel bei den Stechmücken der Fall zu sein. Man kann also im kommenden Sommer mit weniger Stechmücken rechnen, als nach kalten Wintern. Mal sehen, ob es sich tatsächlich so auswirkt. Zum Ausgleich muss man mit einem vermehrten Befall von Blattläusen rechnen, die aber immerhin nur die Pflanzen belästigen, nicht den Menschen direkt.

Als zweites Beispiel überwintern die Honigbienen normalerweise als ganzes Volk im Bienenstock, wobei alle Brutaktivitäten eingestellt werden und der Stock nicht verlassen wird. Wenn es draußen warm wird, beginnen die Bienen mit ihrer Aktivität, so dass sie mehr Futter benötigen und insgesamt anfälliger für Krankheiten werden. Es kann also passieren, dass Bienenvölker verhungern, oder dass sie von Pilzen oder anderen Erregern befallen werden. Noch sind die Auswirkungen nicht feststellbar.

Ansonsten sitzen am Küchenfenster die ersten Stubenfliegen. Im Garten gibt es jetzt schon Schnecken. Die Katzen und Hunde bringen die ersten Flöhe mit nach Hause. Es heißt, dass nach milden Wintern eine Mäuseplage ziemlich wahrscheinlich ist. Vielleicht wird es dann auch mehr Eulen geben? Die Wühlmäuse sind jedenfalls schon im Garten aktiv.

Man muss jetzt schon mit Zeckenbefall rechnen. Zecken stören sich nicht an feuchter Witterung, sie brauchen nur eine Mindesttemperatur von etwa 7 Grad Celsius, lokal an ihrem Aufenthaltsort, was in diesem Jahr schon seit Januar mehrmals erreicht wurde. Dann werden sie aktiv, klettern auf Grashalme oder was sonst gerade da ist, und warten auf ihren Wirt. Da Menschen um diese Jahreszeit meistens noch zeckensicher bekleidet durch die Gegend laufen, sind zur Zeit noch die Tiere stärker gefährdet. Aber die Vermehrung und Entwicklung der Zecken beginnt dadurch früher, es können also gut mehr werden als in anderen, kälteren Jahren. Im Sommer ist dann auch der Mensch stärker gefährdet.

Immer wieder werden die Auswirkungen auf die Landwirtschaft diskutiert. Aber es scheint so zu sein, als ob nur alles früher dran ist als in anderen Jahren. Solange jetzt kein Kahlfrost mehr kommt, passiert wohl auch nichts. Und der ist nicht in Sicht.

Klimawandel

Eine ganz andere Auswirkung ist natürlich, dass jetzt viel mehr Menschen glauben, dass der Klimawandel stattfindet. Das wird sich vermutlich beim nächsten verregneten Sommer oder normal temperierten Winter nochmal ändern, aber im Moment ist der Klimawandel zumindest in Mitteleuropa akzeptiert, die Leugner haben einen eher schweren Stand.

Allerdings scheinen doch viele der Meinung zu sein, dass Klimawandel garnicht so schlimm ist, wie immer behauptet wird. Es gab zwar viele Stürme, mit Hochwasser und allem was dazugehört, aber das war alles woanders. Dass es andernorts auch richtig kalt war, wird kaum beachtet. Klimaerwärmung bedeutet eben nicht einfach, dass es überall ein bisschen wärmer wird und sonst nichts passiert. Die Auswirkungen sind komplex und kaum überschaubar. Aber die Messungen der globalen Temperatur, die seit einigen Jahren von Satelliten aus vorgenommen werden, sind eindeutig. Es wird immer wärmer.

Während man also als Individuum, kurzfristig und lokal, dem Klimawandel durchaus positive Seiten abgewinnen kann, wird den globalen Auswirkungen auf die Erde und die Menschheit immer noch zuwenig Beachtung geschenkt.

Ein paar Spekulationen

Ein warmer Winter macht noch keinen Klimawandel. Es ist für den Einzelnen also tatsächlich garnicht so einfach festzustellen, ob sich das Klima jetzt ändert oder ob das gerade nur mal außergewöhnliches Wetter ist. Aber auch wenn die direkten Auswirkungen für die meisten Menschen, mit Ausnahme natürlich der Wintersportler, eher positiv sind, so sollte man sich doch nicht den langfristigen Auswirkungen auf die gesamte Erde verschließen.

Der globale Temperaturanstieg wird in Zehntelgrad Celsius gemessen. Das erscheint natürlich wenig, kann man doch im Alltag garnicht feststellen, ob es jetzt ein halbes Grad wärmer oder kälter ist. Menschen neigen außerdem dazu, ihre eigene Situation als repräsentatives Beispiel zu sehen. Was zumindest teilweise erklärt, warum so viele nicht an den Klimawandel glauben mögen. Bei uns ist alles normal, und wenn sich etwas ändert, dann zum Positiven. Man glaubt nicht daran, dass es wärmer wird, schließlich musste man heute eine Jacke überziehen. Die negativen Ereignisse werden schnell wieder ausgeblendet, oder es wird darauf hingewiesen, dass es so etwas früher auch gegeben hat. Die Komplexität der Ereignisse und Veränderungen ist für die meisten nicht überschaubar. Auch für Experten ist es oft schwierig, anzugeben, ob ein Ereignis jetzt mit dem Klimawandel zusammenhängt oder nicht. Das Problem ist, dass man das von einzelnen Ereignissen nicht sagen kann, dass nur die statistische Wahrscheinlichkeit, mit der bestimmte Ereignisse auftreten, eine Aussage erlaubt. Diese Wahrscheinlichkeiten scheinen sich zu ändern, auch wenn es noch keinen Konsens darüber gibt, welche Zeiträume betrachtet werden müssen.

Das gilt nicht nur fürs Wetter. Zum Beispiel scheint die Borreliose auf dem Vormarsch zu sein. Liegt das daran, dass heute öfter darüber geredet wird, dass sie öfter korrekt diagnostiziert wird, oder hängt es tatsächlich damit zusammen, dass es durch milde Winter und feuchte Sommer mehr Zecken gibt als früher? Niemand hat die Zecken gezählt, niemand weiß, wie häufig Menschen früher an Borreliose erkrankt sind.

Hochwasserereignisse gab es früher auch, oft mit verheerenden Folgen. Gibt es heute öfter oder seltener Hochwasser, und liegt das wirklich am Klimawandel? Oder an den verbreiteten Flußbegradigungen, oder daran, dass heute mehr Menschen betroffen sind, weil sie in Flußtälern wohnen? Auf der anderen Seite gibt es heute mehr und höhere Deiche, was die Auswirkungen auf menschliche Siedlungen reduziert.

So wie eine Schwalbe noch keinen Sommer macht, so macht ein milder Winter noch keinen Klimawandel. Aber die Wahrscheinlichkeit für milde Winter steigt an, wie es aussieht. Die schadenträchtigen Ereignisse finden aber offenbar anderswo statt. So dass es hier nur schön warm ist, während der Klimawandel woanders ist. Oder?

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