Meine Katze ist tot

von admin am 13. November 2011


Meine Katze ist tot. Sie war jung, gesund, stark und frei. Letzteres war wohl der Grund für ihr vorzeitiges Ende. Meine Katze war eine Freigängerkatze. Sie ging, wohin es ihr beliebte, auch über die Straße. Sie hat für ihre Freiheit mit ihrem Leben bezahlt.

Dieser Preis ist ein hoher Preis. Für etwas sehr abstraktes, das sich nicht greifen lässt. Ein zu hoher Preis? Dieser Tod wäre einfach zu verhindern gewesen, wenn meine Katze keine Freigängerkatze, sondern eine Wohnungskatze gewesen wäre. Wenn ich sie eingesperrt hätte.

Denn die andere Möglichkeit, ihn zu verhindern, langsamer Auto fahren vor Häusern, in denen Katzen und auch Menschen leben, die scheidet wohl aus. Die Freiheit der Autofahrer ist allemal wichtiger als die der Katzen. Oder die kleiner Kinder, die es genauso erwischen kann.

Wenn man meine Katze hätte fragen können, ob sie ein kurzes Leben in Freiheit oder ein langes in der Sicherheit der Wohnung vorziehen würde, sie hätte die Frage nicht verstanden. Die Katze will raus, was sonst.

Menschen sehen das etwas diffenzierter. In einem Land, in dem die Freiheit, das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit und sogar der Schutz der Tiere den Status von Grundrechten haben, verteidigen sie ihre Freiheit als Autofahrer, ansonsten streben sie eher nach Sicherheit. Für eine Mehrheit bedeutet Autofahren persönliche Freiheit.
Diese persönliche Freiheit fordert alleine in Deutschland jedes Jahr eine vierstellige Zahl von Todesopfern. Menschen, versteht sich, die Tiere zählt niemand. Eine sechsstellige Zahl von Menschen werden verletzt, viele davon schwer.

Bei der Abwägung der Freiheit, schnell Auto fahren zu können gegen das Leben der Opfer gewinnt natürlich die Freiheit. Niemand hat wirklich Angst vor dem Straßenverkehr. Niemand glaubt wirklich, er könnte das nächste Opfer sein. Die tatsächlichen Opfer haben halt Pech gehabt. Tragisch, aber nicht zu ändern. Die Mobilität und die persönliche Freiheit sind wichtiger, sie dürfen nicht in Frage gestellt werden. Auch wenn es kein Grundrecht auf Mobilität gibt.

Bei anderen Themen wird eher die Sicherheit in den Vordergrund gestellt, wird auf Freiheit eher verzichtet. Weil auch in Deutschland die Möglichkeit eines Terroranschlages besteht, wurden in den letzten zehn Jahren eine Vielzahl von Freiheitsrechten eingeschränkt. Viele scheinen damit einverstanden zu sein, dass sie nicht mehr einfach überallhin gehen können, ohne überwacht und kontrolliert zu werden.

Seit der Zeit der RAF hat es in Deutschland weder Terroranschläge noch Terrortote gegeben. Auch wenn es in anderen Ländern vielleicht etwas anders aussieht, so ist es doch überall so, dass der Straßenverkehr die tatsächliche, reale Gefahr darstellt, nicht der Terror.

Trotzdem wird von vielen, auch vielen Politikern, die Einschränkung der Freiheit als notwendig angesehen, um die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags zu verringern. Tatsächliche Tote sind kein Grund für eine Einschränkung der Freiheit, potentielle Tote dagegen schon. Weil jeder ein Terrorist sein könnte, jeder gerade jetzt einen Anschlag planen könnte, sehen Sicherheitspolitiker es als notwendig an, uns zu überwachen, uns zu misstrauen und möglichst jede Information über uns zu speichern. Denn alles könnte sich als relevant erweisen, wenn es darum geht, mögliche Anschläge schon im Vorfeld zu verhindern.

Dabei wurden mit viel Phantasie eine Fülle von Maßnahmen entwickelt und eine Menge an Gesetzen verabschiedet, die die Sicherheit verbessern sollen, tatsächlich aber nur die Angst fördern. Denn es ist nur allzu offensichtlich, dass weder Nacktscanner, noch Videoüberwachung, weder Funkzellenabfragen noch Staatstrojaner, weder Einschüchterung noch Gesetzesübertretungen durch Behörden einen zukünftigen Attentäter, der es ernst meint, werden stoppen können. Alle Maßnahmen beschränken nur die Freiheit, sie vergrößern die Sicherheit nicht.

Auch die Speicherung von Daten auf Vorrat oder die Datenweitergabe an andere Staaten (Fluggastdaten, Swift-Abkommen) bringen niemanden dazu, sich sicherer zu fühlen.

Stattdessen scheint es so, als ob wir uns in Richtung Überwachungsstaat bewegen. Vor allem das Internet wird von Politikern als Quelle des Terrors und der Kriminalität angesehen. Es ist die Rede vom “rechtsfreien Raum Internet”, der in besonderer Weise überwacht und reglementiert werden muss, um dem Terror und anderen Gefahren begegnen zu können. Dabei wird Terror, falls er denn tatsächlich passiert, wohl kaum im Internet stattfinden. Es ist wohl eher so, dass etwas, was man nicht so richtig versteht, gefährlich sein muss. Die Terrorgefahr ist ja auch nicht greifbar, genau wie das Internet. Vielleicht sind beide ja identisch. Wer weiß.

Das Grundrecht der Freiheit wird immer mehr eingeschränkt, zugunsten einer vermeintlichen Sicherheit, die doch vor den Gefahren nicht schützen kann. Solange sich das Gefühl der Sicherheit nicht einstellt, scheinen immer noch weitere Einschränkungen der Freiheit erforderlich zu werden. Um die Notwendigkeit der Maßnahmen zu betonen, werden diverse Ereignisse zu terroristischen Aktionen umgedeutet.

Die Angst vor dem Terror, die die meisten niemals hatten, ist nicht durch ein Gefühl der Sicherheit ersetzt worden, sondern durch die Angst vor den Anti-Terror-Maßnahmen. Der Preis der Freiheit, der dafür bezahlt werden muss, ist hoch. Zu hoch.

Absolute Sicherheit kann es nicht geben. Genauso wie eine Katze oder ein Kind noch in der ruhigsten Seitenstraße auf ein zu schnelles Auto treffen kann, kann jeder von uns auf einen Selbstmordattentäter oder Flugzeugentführer treffen, nur das die Wahrscheinlichkeit dafür sehr viel geringer ist. Der Katzentod auf der Straße wird als unvermeidlich angesehen, wenn man sein Tier nicht einsperren will. Das Zusammentreffen mit dem Attentäter soll dagegen um jeden Preis vermieden werden, kein Preis darf dafür zu hoch sein.

Es lohnt, diesen Preis genauer zu betrachten. Katzen, die in Wohnungen eingesperrt leben, langweilen sich, werden dick und verhaltensgestört. Menschen, die in Angst und Unfreiheit leben, entwickeln psychische Störungen, erkranken an Depressionen oder leiden an Burn-out. Beide bezahlen mit Krankheit, freudlosem Leben und sinnloser Existenz. Der Preis für die vermeintliche Sicherheit ist höher als man zunächst denkt. Und der Preis muss bezahlt werden, auch wenn sich herausstellt, dass man dafür nur eine Scheinsicherheit bekommt.

Viele sind nicht mehr bereit, diesen Preis zu bezahlen, auf immer mehr Freiheiten zu verzichten. Sie wollen Freiheit statt Angst. Menschen und Katzen sind sich ähnlicher, als man zunächst denkt.

Zählpixel der VGWort

{ 1 Kommentar… lies ihn unten oder füge einen hinzu }

Laura April 12, 2013 um 20:23

Unsere Katze ist auch Freigänger und ich gönne es ihr, aber davor, dass ihr genau das passiert, was deiner Katze zugestoßen ist, macht mir immer wieder Angst.

Hinterlasse einen Kommentar

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: